Historische Zeitungen kritisch lesen

Historische Zeitungen kritisch lesen

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Redactie 03 september 2015 114
Zeitungen sind eine leicht zugängliche Quelle, um verschiedene Aspekte des Ersten Weltkriegs zu analysieren. Aber genau wie bei anderen historischen Quellen müssen die Informationen aus Zeitungen sorgfältig begutachtet werden. Dies gilt sowohl für Texte als auch für Fotos und Illustrationen.
 
Das kritische Begutachten von Quellen nennen Historiker ‚Quellenkritik‘. Sie umfasst viele Techniken um herauszufinden, wie eine Quelle zustande gekommen ist und um zu begreifen, wie der Erzeuger der Quelle die Wirklichkeit interpretierte.
 
Die Quellenkritik hat hierbei ein doppeltes Ziel. Einerseits will sie die tatsächlichen Fakten so gut wie es geht von der Interpretation von Fakten trennen. Andererseits dient sie dazu, die Komplexität von einem Ereignis so gut wie möglich zu begreifen. Jede Geschichte hat nicht nur eine Seite, sondern immer mindestens zwei oder mehrere Seiten.
 
Die beschriebenen Fakten können mit einer bestimmten Absicht verdreht worden sein, aber auch der Journalist, der meint objektiv zu sein, ist dies sicher nicht. Er wird die Fakten immer auf Basis seines Vorwissens, seines politischen, religiösen und sozialen Hintergrunds, seiner Nationalität und unter Einfluss des herrschenden Zeitgeistes interpretieren.
 
Der richtige Kontext
 
Manchmal ist Quellenkritik eine wirklich technische Angelegenheit, beispielsweise was die Beurteilung von Bibeltexten oder mittelalterliche Urkunden anbelangt. Wer jedoch einen Zeitungsartikel, der hundert Jahre zuvor publiziert wurde, liest, muss vor allem mit einem wachen Verstand herangehen, um die Berichterstattung in den richtigen Kontext zu platzieren. Wann? Wo? Wer? Was? sind die vier kurzen Fragen, die helfen können, um die Nuancen zu begreifen.
 
Wann wurde der Artikel geschrieben? In den Anfangstagen des Krieges? Es ist im Hinterkopf zu behalten, dass der Patriotismus hoch im Kurs stand und das die freie Presse nahezu blindlings zu jubeln begann  So wurde die Schlacht bei Halen – ein kleiner Sieg der Belgier – in der freien Presse als ein großer Sieg über die Deutschen dargestellt. 
 
Wo wurde dieser Artikel veröffentlicht und welcher Zensur unterlag die Zeitung? Erschien sie im besetzten oder unbesetzten Teil Belgiens? Wurde die Zeitung nur zensiert oder wurde sie aktiv als Propagandamittel genutzt? Wenn eine Zeitung aus dem besetzten Flandern vorliegt, die einen stark flamingantischen Charakter hat, so ist die Chance groß, dass sie durch die Besatzer gefördert wurde. Sie hatten zumindest vor, die Vaterlandsliebe der Belgier zu brechen. Es ist auch interessant, zu verfolgen, welche Informationen aufgrund der Zensur erst gar nicht publiziert wurden.
 
Wer schreibt über wen? Diese Frage verweist auf den ideologischen und sozialen Hintergrund der Zeitung, aber auch auf Personen oder Bevölkerungsgruppen, um die es in dem Artikel geht. Es muss berücksichtigt werden, dass die städtische Presse wenig nuanciert über die ländliche Bevölkerung berichtete.  Nicht zu vergessen, dass  die belgischen Zeitungen eine ausgesprochene Meinungspresse bildeten.  Auch im besetzten Belgien blieb es dabei, dass sich die  zensierten sozialistischen und katholischen Zeitungen gegenseitig bekämpften. Dies geschah nicht durch große politische Debatten, sondern eher dadurch, dass beispielsweise die Arbeit der Ernährungskomitees kritisiert wurde. 
 
Was ist der Inhalt der Neuigkeiten? Man sollte auf der Hut sein was die militärische Berichterstattung anbelangt. Die tatsächlichen Informationen in solchen Berichten sind nur selten vertrauenswürdig, aber sie lehren uns, wie Propaganda funktionierte. Sie zeigen auch, wie schwierig es für die Bevölkerung war, sich die Auseinandersetzung deutlich vor zu stellen. Einige Themen kommen fast gar nicht zur Sprache, weil sie im Bezugsrahmen des Journalisten kaum Neuigkeitswert hatten. So wurde die Situation von Frauen in der Presselandschaft des besetzten Landes wenig beachtet. 
 
Fotografie und Karikaturen
 
Der Erste Weltkrieg war der erste große Konflikt in dem das junge Medium Fotografie massiv eingesetzt wurde. Es war ein kraftvolles Instrument, um die Wirklichkeit zu dokumentieren und ebenso sehr um die Wirklichkeit zu verdrehen. Viele bildhafte Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg waren Inszenierungen und in der Dunkelkammer wurde auch schon ordentlich getrickst. So gilt auch bei der Interpretation von Fotos, dass auch hier die nötige Wachsamkeit geboten ist. 
 
Dies ist noch mehr notwendig bei den Karikaturen. Diese Abbildungen karikieren die Wirklichkeit. Vor dem Krieg warfen Karikaturen zumeist einen kritischen Blick auf Gesellschaft und Politik. Während des Krieges wurden Karikaturen in den Propagandakrieg miteinbezogen. Selbstverständlich sind Karikaturen nicht geeignet um Tatsachen daraus abzuleiten. Sie sind jedoch in der Lage darzustellen, wie stereotype Denkbilder aufgebaut wurden. Vor allem aber zeigen sie, wie der Feind verteufelt wurde.