Verstümmelt und verirrt

Verstümmelt und verirrt

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Redactie 23 April 2017 767

Der industrielle Charakter des Ersten Weltkriegs verursachte eine nie dagewesene Zahl von Verwundeten. Das machte eine effektive medizinische Organisation notwendig. Sehr viele verwundete Soldaten kamen um, bevor sie ein Feldlazarett erreichten. Andere wurden, nachdem sie versorgt worden waren, wieder an die Front geschickt. Eine dritte Gruppe erwies sich als nicht mehr für den Wehrdienst geeignet. Sie hatten ein Glied oder mehrere Gliedmaßen verloren oder waren durch umherfliegendes Schrapnell blind geschossen.
Die Frage war, was mit diesen Soldaten geschehen sollte. In den ersten Kriegsmonaten bekamen die verstümmelten belgischen Soldaten „besoldeten Urlaub“. Abgesehen von dieser finanziellen Entschädigung wurden sie großenteils ihrem Schicksal überlassen. Nach Hause zurückzukehren war meist unmöglich, denn der größte Teil Belgiens war in deutscher Hand. Manche fanden Aufnahme in einem medizinischen Gesundheitszentrum in den Niederlanden oder arbeiteten, wenn ihre Versehrtheit das zuließ, in einer britischen (Munitions-)Fabrik. Viele trieben ziellos umher. Bis in die südlicheren französischen Badestädte hinein machten die belgischen Verstümmelten den menschlichen Zoll des Krieges sehr sichtbar. Ihre Anwesenheit tat der Kriegsmoral der örtlichen Bevölkerung nicht sonderlich gut. Das verstanden auch die Armeeführer und gelangten zu der Einsicht, dass eine strukturellere Lösung vonnöten war. Vielleicht hatte man die Kriegsinvaliden zu schnell vom Militärdienst abgeschrieben? Manche konnten noch Uniformen flicken oder Gräben schaufeln.
Die Heeresleitung dachte aber auch weiter voraus. Auch in Belgien bedeutete der Krieg einen Aderlass an einsatzfähigen Kräften. Nach dem Krieg würde jede Hilfe beim Wiederaufbau von Städten und bei der Bearbeitung des Landes willkommen sein. Ausgehend von dieser Philosophie entstanden spezialisierte Auffangstellen. In oftmals französischen „Besserungsheimen“ erhielten die verstümmelten Soldaten eine für sie angefertigte Prothese und genossen ein auf sie zugeschnittenes Unterrichtspaket. Die Männer wurden zu Landwirten, Bauhandwerkern oder Gärtnern umgeschult. Sie waren es, die das Land nach dem Krieg wiederauferstehen lassen sollten. Von militärisch überflüssigen Menschen wurden sie zur Hoffnung für die Zukunft.

De oorlog in beeld, 01/04/1918, p. 8