Antwerpen: Von verstärkter Festung zur besetzten Stadt

Antwerpen: Von verstärkter Festung zur besetzten Stadt

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Redactie 28 September 2016 250
Eine uneinnehmbare Stadt
 
Seit ungefähr der Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm Antwerpen eine besondere Position in den militärischen Verteidigungsplänen ein. Die Regierung und Armeeleitung hatte entschieden, die Hafenstadt zu einer Nationaal Raduit, einer verstärkten Festung umzuformen, in die die Armee, der König und die Regierung sich bei Kriegsgefahr zurückziehen könnten, um von dort aus die Hilfe der ausländischen Bündnispartner abzuwarten. 
 
Um Antwerpen verteidigen zu können, wurden acht Forts in einem Halbkreis von Wijnegem nach Hoboken um die Stadt gebaut. In einer späteren Phase folgte ein zweiter Fortgürtel auf Höhe der Rupel und der Nete. Der doppelte Fortgürtel machte, so glaubte jeder, aus Antwerpen am Vorabend des Ersten Weltkrieges eine uneinnehmbare Stadt.
 
Die Deutschen auf der Durchreise
 
Kurz nach der deutschen Invasion und der Schlacht um Lüttich im August 1914 wurde deutlich, dass die belgische Armee kein Gegner für die deutschen Truppen war. König Albert entschied, seine Soldaten bis zum Nationaale Reduit zurückzuziehen. Die Regierung, Volksvertreter und eine Menge ausländischer Diplomaten zogen auch ein. Der Hof richtete sich im königlichen Palast auf der Meir ein. 
 
Die Deutschen ließen Antwerpen anfänglich links liegen. Ihr Hauptziel war es, so schnell wie möglich nach Paris zu gelangen und die meist logische Route führte ein ganzes Stück südöstlich an der Hafenstadt vorbei. Was sie anging, waren weitere Konfrontationen mit der belgischen Armee unnötig. Die belgischen Truppen, die sich in der Festung von Antwerpen verschanzt hatten, organisierten ab Ende August Überfälle gegen die Deutschen auf deren Durchreise nach Frankreich.
 
Die militärischen Überfälle aus Antwerpen und das Stocken des deutschen Vormarsches an der Marne sorgten dafür, dass die deutsche Armeeleitung schließlich doch ihr Augenmerk auf die Festung Antwerpens richtete. Mit schwerem Artilleriefeuer, das auf die Forts von Walem und Sint-Katelijn-Waver gerichtet wurde, begannen die Deutschen am 28. September den Angriff auf den äußeren Verteidigungsring. Schnell zeigte sich, dass die Forts den Granatwerfern der Deutschen nicht gewachsen waren. Selbst eine hastig ausgeführte Verstärkung von 2 000 britischen Marinesoldaten konnte die Entwicklung nicht mehr aufhalten. Am 5. Oktober überquerten die deutschen Truppen in der Nähe von Lier die Nete. Das uneinnehmbare Antwerpen war plötzlich eine sehr verwundbare Stadt geworden.
 
Um zu vermeiden, dass die gesamte belgische Infanterie von deutsche Truppen umzingelt werden würde, mussten die Soldaten so schnell wie möglich aus Antwerpen abziehen. In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober überquerte die Armee die Schelde, unter anderem über eine nur für kurze Zeit  angelegte  Notbrücke zwischen het Stehen und Linkeroever. Nur die Festungstruppen (die die Forts bemannten) blieben zurück um die Stadt so lange wie möglich  zu verteidigen, so dass die Soldaten Zeit bekamen sich zur Küste zurückzuziehen.
 
Antwerpen in deutscher Hand
 
Die Bevölkerung Antwerpens flüchtete großenteils. Es sollte ja doch nicht lange dauern, bis die Stadt in die Hände der Deutschen fallen würde, war jeder überzeugt. Jung und Alt versammelten sich auf den Scheldekaaien, um mit dem Boot oder über die zeitweilige Notbrücke zu entkommen. Andere gingen zu Fuß oder mit Bauernkarren in Richtung niederländische Grenze.
 
Inzwischen beschossen die Deutschen Antwerpen unaufhörlich und auch die Festungstruppen hatten ihre Positionen verlassen. Eine weitere Verteidigung der Stadt war sinnlos. Am 9. Oktober schickte die Stadtverwaltung eine Abordnung an den deutschen Befehlshaber, um die Übergabe zu unterzeichnen.