Kriegsbegeisterung

Kriegsbegeisterung

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Redactie 04 August 2016 1

Lange Zeit war das Bild vorherrschend, die Kriegserklärungen von 1914 seien in einer Atmosphäre der Begeisterung verkündet worden und Europa sei fröhlich pfeifend in den Krieg gezogen. Die heutige Geschichtsschreibung sieht das etwas differenzierter.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs versprach sich ein großer Teil der intellektuellen Elite tatsächlich etwas Gutes von einem Konflikt. Der Krieg würde eine reinigende Wirkung haben und ein Serum gegen den Materialismus, die Dekadenz und den Individualismus bieten, die die Gesellschaft vergifteten. Diese „Kriegsbegeisterung“ kam keineswegs ausschließlich aus der rechten, nationalistischen oder militaristischen Ecke. So dachte zum Beispiel auch der Schriftsteller und Sozialist H. G. Wells, es bedürfe eines Krieges von so abschreckender Wirkung, dass man kämpferische Auseinandersetzungen künftig vermeiden würde. In den Salons von Europa erhoben sich zwar auch pazifistische Stimmen, aber diese waren in der Minderheit und verstummten mit dem Ausbruch des Weltenbrandes.

Dennoch lässt sich nicht ohne weiteres von einer allgemeinen Kriegsbegeisterung der gesellschaftlichen Oberschicht sprechen. Die erwähnte Begeisterung war vor allem ein städtisches Phänomen, das besonders bei der Elite und der gehobenen Mittelklasse Anklang fand. Ab August 1914 lief die Propaganda der Alliierten wie der Mittelmächte auf vollen Touren, um die Wehrpflichtigen zu motivieren und junge Männer davon zu überzeugen, sich als Freiwillige zu melden. Die Propaganda übertrieb die Länge der Warteschlangen vor den Rekrutierungsbüros, um so an das Pflichtgefühl zu appellieren. 

Bruxelles. Départ de la garde civique pour Anvers. 1914. BDIC Fonds des albums Valois-Belgique.

Die Abfahrt der 'Wache civique' von Brüssel nach Antwerpen im August 1914.

Bestärkt durch die Propaganda zogen europäische junge Männer tatsächlich in den Kampf. Viele Abenteurer sahen in dem Krieg eine Möglichkeit, etwas zu bedeuten, und empfanden bei der Abreise einen gewissen Stolz. Für viele jedoch überwog hauptsächlich ein Gefühl der Notwendigkeit. Eher als Kriegsbegeisterung herrschte ein Pflichtbewusstsein, begleitet von der Furcht, als Feigling angesehen zu werden.  Und wenn die Jungs riefen, sie seien „vor Weihnachten“ wieder daheim, taten sie das auch, um ihre Nervosität zu beruhigen. Hinter dem festlichen Auszug steckte durchaus Einiges an Zweifeln und Angst.