Bildung und Unterricht

Bildung und Unterricht

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Redactie 01 september 2016 65

Nach belgischem Gesetz musste jedes Kind zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr die Schule besuchen. In den ersten Monaten des Schuljahres 1914-1915 war dies jedoch äußerst schwierig. Durch die Mobilisierung hatte sich der Bestand an Lehrern gelichtet, und sehr viele Schulgebäude waren mit Flüchtlingen und alliierten oder deutschen Soldaten belegt. Bestenfalls erhielten Schulkinder einige Stunden am Tag Unterricht in einer Gastwirtschaft, einem Gemeindesaal oder Wohnzimmer, oft von „Lehrerkräften“ ohne eine entsprechende Ausbildung. Stabilisierte sich die Front, dann kehrte auch die Ruhe einigermaßen zurück. Sowohl in dem kleinen freien Teil Belgiens als auch im besetzten Gebiet wurden die Schulgebäude nach und nach wieder freigegeben. Oft hatten sie als Lazarett oder Pferdestall gedient, wodurch das Lehrerteam sie in sehr schlechtem Zustand wiederfand.

Die größte Herausforderung jedoch bestand darin, auch die Kinder aus den Frontgemeinden wieder mit Schulunterricht zu versorgen. Die belgische Regierung zerbrach sich den Kopf darüber, wie sie die Schulpflicht mit der andauernden Kriegsbedrohung in Einklang bringen konnte. Sehr viele Kinder waren schon beim Einmarsch der Deutschen in Richtung Frankreich, Niederlande oder Großbritannien geflohen, wo sie in örtlichen Schulen und in belgischen Notschulen oder „Schulkolonien“ unterrichtet wurden. Dieses Unterrichtssystem wollten die Autoritäten offiziell machen und erweitern. Seit dem Frühjahr 1915 wurden die Kinder, die sich noch in der Frontregion befanden, in Schulkolonien im In- und Ausland evakuiert. „Les Enfants de l’Yser“, wie man die Kinder nannte, bestiegen den Zug in Richtung westflämische Schulen, die weiter von der Front entfernt lagen, oder gelangten per Bahn in die Schweiz, nach Frankreich, Großbritannien oder in die Niederlande. Dort wurden sie von belgischen Lehrern und Klosterschwestern betreut und erhielten niederländischsprachigen Unterricht entsprechend der belgischen Lehrpläne.

Obwohl „les Enfants de l’Yser“ so zwar vor „Verwilderung und Unwissenheit“ gerettet waren, fiel das strenge Regime in den Schulkolonien vielen Kindern schwer und das Heimweh nagte sehr an ihnen. Selbst in den Ferien konnten die meisten nicht nach Hause, und sehr viele Eltern verfügten ebenfalls nicht über die Möglichkeit, ihren Nachwuchs zu besuchen. Erst als der Waffenstillstand unterzeichnet war, konnten Eltern und Kinder ihr Familienleben wieder aufnehmen.