Neujahrswünsche und Gewehrfeuer

Neujahrswünsche und Gewehrfeuer

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Redactie 01 Januar 2017 0

Nach dem spontanen Weihnachtsfrieden vom Dezember 1914 war der Heeresleitung an einer neuerlichen Verbrüderung zwischen den kämpfenden Parteien nicht besonders gelegen. Zu Silvester und am Neujahrstag knallten Gewehre und donnerten Kanonen wie ehedem. Dennoch versuchten manche Soldaten, dem ersten Jahreswechsel an der Front etwas Festliches zu verleihen. Der Tagebuchautor Félicien Vanhove aus Zarren bei Diksmuide schrieb über diese Neujahrsnacht: „Um 12 Uhr heute Nacht hören wir einen höllischen Lärm: Schießen, Rufen, Toben, Singen. Ich sehe durchs Fenster, wie sie um den angezündeten Weihnachtsbaum herumstehen und singen. Plötzlich hören wir die Offiziere brüllen. Alle Militärs flüchten nach drinnen.“ Anschließend sei es mäuschenstill gewesen und die Soldaten, die die Freudenschüsse abgegeben hatten, seien von ihren Vorgesetzten bestraft worden, so Félicien.

Nieuwjaarswenschen, Het Vlaamsch heelal: katholiek - zondagsblad, 2 januari 1915, p. 1

Nieuwjaarswenschen, Het Vlaamsch heelal: katholiek - zondagsblad, 2 januari 1915, p. 1

Auch in dem besetzten Land war Silvester kein Anlass, sich mit dem Feind zu verbrüdern. Allein schon die Tatsache, dass die Deutschen eine andere gesetzlich gültige Zeit handhabten als die Belgier, sorgte für eine psychologische Entfremdung zwischen Bevölkerung und Besatzung. In Deutschland galt die Mitteleuropäische Zeit und diese Zeitzone war auch in den besetzten Gebieten eingeführt worden. Die Belgier verweigerten jedoch dickköpfig eine Anpassung an die „deutsche Stunde“ und hielten an ihrer bisherigen Westeuropäischen Zeit fest, die eine Stunde weniger beträgt. Die Deutschen feierten also eine Stunde früher Neujahr, was in dem besetzten Land als Provokation empfunden wurde. An Silvesterabend 1914 schrieb Karel Resseler aus Antwerpen: „11 Uhr. (12 Uhr deutsche Zeit): Ein höllisches Gewehrfeuer durchtönt die Stadt. Die Deutschen feiern Neujahr.

Am 1. Januar wurden wie immer Neujahrswünsche ausgetauscht, aber allen war klar, wie bitter die Glückwünsche klangen. „1915 nimmt also einen blutigen Anfang, und das ‚ein glückliches Neues Jahr‘ wird mehr denn je als bittere Ironie – und dies besonders für das Proletariat – betrachtet werden“, schrieb der Vooruit („Vorwärts“)  am 1. Januar 1915. Statt süßer Glückwünsche lautete die Botschaft: „Habt Mut, hofft auf die Zukunft!

Nieuwjaarsbede 1917, De Werkman, 12 januari 1917, p. 1

Nieuwjaarsbede 1917, De Werkman, 12 januari 1917, p. 1